Vom NS-Prediger zur Gedenkstätten-Ikone?

Pastor Johannes Meyer und das KZ Ladelund

 

Pastor Johannes Meyer war eine schillernde Persönlichkeit. Er zählte vor 1933 zu den wichtigsten Nazi-Agitatoren in Ostpreußen, wurde 1944 mit dem KZ Ladelund konfrontierte und baute nach 1945 Brücken zu den Angehörigen der Opfer. Der umstrittene „Gedenkstättenbeauftragte“ der Nordkirche, Dr. Stephan Linck, schlug deshalb sogar vor, Meyer in einer neuen Ausstellung zum KZ Ladelund in den Mittelpunkt zu stellen. Kritiker halten das für „schwarze Pädagogik“, zumal Meyer stets ein Gegner der demokratischen Ordnung blieb.

Johannes Meyer wurde 1896 als Bauernsohn in Albersdorf/Dithmarschen geboren. Er besuchte die Oberschule in Heide und das Predigerseminar in Kropp. 1914 meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und kämpfte nach 1918 in einem Freikorps weiter. Seine erste Pfarrstelle erhielt er in Ostpreußen. Dort wurde er ein wichtiger Agitator der NSDAP. Er hatte ein enges Verhältnis zu Gauleiter Erich Koch, der ab 1941 als „Reichskommissar für die Ukraine“ die Judenvernichtung vorantrieb.
Meyer galt nicht als großer Theologe, aber als wortgewaltiger Prediger. Sein weiterer Weg führte ihn 1933 nach Schwabstedt und 1938 nach Ladelund. Dort wurde er 1944 mit dem Konzentrationslager konfrontiert. In sechs Wochen beerdigte er 300 Häftlinge. Das Geschehen hielt er in der Kirchenchronik fest. Der Flensburger Historiker Dr. Jörn-Peter Leppien wies aber nach, dass die Niederschrift erst bei Kriegsende 1945 erfolgte. Meyer wollte sich vor der Besatzungsmacht rechtfertigen.
Er wurde tatsächlich von den Briten amtsenthoben, aber bald wieder eingesetzt. Dazu trug die Chronik bei. Meyer benachrichtigte die Angehörigen der Opfer. So entstand der Kontakt zu Putten. 1950 folgte der erste Besuch in Ladelund. Meyer wurde nach Putten eingeladen. Er predigte dort nicht nur, sondern besuchte auch Friedrich Christiansen aus Wyk in der Haft. Der hatte als Wehrmachtsbefehlshaber 1944 befohlen, Putten niederzubrennen und die Männer des Dorfes zu verhaften.
Den Ruhestand verlebte Meyer ab 1958 in Innen bei Neumünster. In seiner direkten Nachbarschaft wohnte Friedrich Christiansen, der 1950 aus der Haft entlassen worden war. Meyer blieb ein Gegner des politischen Systems der Bundesrepublik. Als ihn der Schleswig-Holsteinische Landtag 1948 bat, eine Feierstunde abzuhalten, tat der Pastor das gern, wollte aber „kein Bekenntnis zur Demokratie“ ablegen. Der frühere Ladelunder Pastor blieb bis zu seinem Lebensende politisch indifferent.

Den Vortrag, den Dr. Klaus Bästlein im Kulturzentrum Speicher in Husum am 26. November 2014 gehalten hat, können Sie in voller Länge als Audio-Datei hören, wenn Sie auf diesen Link hier klicken. Veranstalter: Bündnis gegen Rechts Nordfriesland

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